Tusculanae Disputationes

„Cicero war in der spekulativen Philosophie ein Schüler des Plato, in der Moral ein Stoiker.“ (Immanuel Kant)

 

Die fünf Bücher der „Gespräche in Tusculum“, wie der Titel üblicherweise ins Deutsche übersetzt wird, verfasste Cicero in der zweiten Jahreshälfte 45 v. Chr., also in seiner zweiten großen publizistischen Phase. In De divinatione (De div. II 2) ordnet er das Werk seiner Abfassungszeit nach zwischen De finibus bonorum et malorum und De natura deorum ein, wobei er diese Abfolge nicht nur zeitlich, sondern in gewisser Weise auch sachlich verstanden wissen will: Nach dem Kompendium über die „Ethik“ folgt die Schrift über das glückliche Leben, das durch ethisches Handeln ermöglicht wird, und darauf die Auseinandersetzung mit denjenigen Wesen, denen das Glück am vollkommensten zuteil ist, nämlich den Göttern. 

Die Gespräche in Tusculum antworten also offenbar auf eine Art ‚Lücke’, die in De finibus geblieben war, oder besser ausgedrückt: der Duktus der Überlegungen in De finibus wird durch eine weitere Perspektive ergänzt. Während Cicero sich in De finibus bemüht zu zeigen, anhand welcher Kriterien die Richtigkeit einer Handlung abgewogen werden muss, und dass das tugendhafte, also ethisch korrekte, Handeln zum „Lebensglück“ oder „Glückseligkeit“ gereicht, soll in den ersten zwei Gesprächen in Tusculum verdeutlicht werden, dass auch Tod und Schmerz  nicht imstande sind, dieses durch gute Handlungen erreichte Lebensglück zu ruinieren.  In Buch III und IV macht es sich Cicero zur Aufgabe zu zeigen, dass und wie Leidenschaften oder Emotionen zu bewältigen sind. Buch V knüpft thematisch wieder an De finibus an: Beweisziel ist die "glückskonstituierende Kraft" des guten Handelns, wobei Cicero vielleicht hier mehr als in De finibus darauf aus ist zu belegen, dass dieses "Glück" auch gefühlt werden kann.  

Formal sind Gespräche so gehalten, dass eine Schülerfigur in jedem Buch eine Leitthese aufstellt, und eine Lehrerfigur, die man vordergründig mit Cicero identifizieren wird, die These im Laufe des Buches widerlegt. Im ersten Buch beispielsweise ist die These des Schülers "Der Tod scheint mir ein Übel zu sein", und der Lehrer versucht nun zu zeigen, dass diese These falsch ist. So auch in den weiteren Büchern.

Ciceros Fragestellung ist ja immer aktuell: Obwohl die allgemeine Erfahrung doch zu zeigen scheint, dass ethisch orientiertes Verhalten keineswegs den sich so Verhaltenden nutzt, sondern ihnen eher Nachteile bereitet, plädiert der Lehrer in den "Tuskulanen" dafür, gerade das Leben der Tugendhaften als glückliches Leben anzusehen. Der Ausdruck Tugend darf dabei nicht in dem etwas altertümlich-moralisierenden Sinn verstanden werden, der aus Historienfilmen und dergleichen überliefert ist. "Tugend" übersetzt meist das lateinische "virtus" und das griechische "areté". "areté" heißt so viel wie "gut sein" oder "Bestheit". Der tugendhafte Mensch ist der, der seiner Bestimmung als Mensch am besten gerecht wird. Die Frage, worin diese Bestimmung des Menschen liegt, ist wiederum philosophisch zu klären. Im Zusammenhang mit der stoischen Lehre wird aber auch das griechische "kalón", das Cicero mit dem Wort "honestum" ins Lateinische überträgt, als "Tugend" übersetzt. "kalón" heißt in einer ersten Bedeutung "schön", für die Stoiker ist also die tugendgemäße Handlung die schöne Handlung.

Ciceros Werke spiegeln die Auseinandersetzungen der verschiedenen Philosophenschulen wieder, die er im Laufe seiner Jugend und seiner weiteren Beschäftigung mit Philosophie kennengelernt hat. In den Gesprächen in Tusculum hält er es vorderhand offenbar mit den Stoikern. Er übernimmt von ihnen den strengen ethischen Anspruch und die Geringschätzung äußerer Dinge wie Ruhm oder Besitz, ja selbst des Lebens. Und er glaubt wie die stoische Schule, dass Philosophie die Seele heilen kann. Hier aber distanziert er sich von der "Radikalität" der Stoiker, die unter "Seele" nur die Vernunft des Menschen verstehen und für die jede Einwirkung auf die Seele folglich eine sein muss, die den Weg über die Rationalität - oder wie Psychologen heute sagen würden: über die "Kognition" - nimmt. Als berühmter Redner weiß Cicero auch um die seelische Macht der Gefühle und Affekte. Gekonnte Redetechnik, also Rhetorik, ist ein bevorzugtes Mittel für die Beeinflussung seelischer Zustände.

 

Die Tusculanae Disputationes sind derzeit in zwei Ausgaben im Buchhandel erhältlich:

Marcus Tullius Cicero: Tusculanae Disputationes. Gespräche in Tusculum, lateinisch / deutsch, übersetzt und herausgegeben von Ernst Alfred Kirfel, Reclam-Verlag, Stuttgart 1997. 21,-- DM

Marcus Tullius Cicero: Gespräche in Tusculum. Tusculanae Disputationes, lateinisch - deutsch, mit ausführlichen Anmerkungen neu herausgegeben von Olof Gigon, Artemis & Winkler - Verlag, Düsseldorf / Zürich 71998. 64,-- DM

 

Literaturhinweis: Bernhard Koch: Philosophie als Medizin für die Seele. Untersuchungen zu den Tusculanae Disputationes, Stuttgart 2006 (Steiner)

 

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