Paradoxa Stoicorum

 

Diese kleine, aber nichtsdestoweniger kostbare Schrift Ciceros aus dem Jahr 46 v. Chr. macht es sich zur Aufgabe, sechs ethische Lehrsätze aus der Schule der Stoiker zu begründen. Diese Lehrsätze sind - wie Cicero auch selber einräumt - nun alles andere als von der Allgemeinheit akzeptierte Thesen, aber gerade deshalb wecken diese "Paradoxa" - was soviel wie "gegen die Meinung" bedeutet - Ciceros rhetorischen Ehrgeiz. Die Schrift "Paradoxa Stoicorum" erwähnt Cicero nicht in seiner Aufstellung in "De divinatione II 1-7", weshalb viele Interpreten glauben, Cicero hätte sie weniger ernst genommen und eher als "rhetorische Übungen" verstanden. Dem widerspricht aber Ciceros eigener Wortlaut, wenn er deutlich betont, dass ihm diese ethischen Lehren nicht nur äußerst sokratisch, sondern überdies "longe verissima" (höchst wahr) vorkommen.

Diese sechs Lehrsätze lauten:

1. Nur das Ethische ist gut (und kann 'gut' genannt werden).

2. Niemandem von ethischer Vollkommenheit fehlt etwas zum glücklichen Leben.

3. Verfehlungen sind ebenso einander gleich wie gute Taten.

4. Jeder Dumme (der das ethisch richtige Handeln nicht kennt) ist wahnsinnig.

5. Nur der Weise ist frei und jeder Dumme ist ein Sklave.

6. Nur der Weise ist reich.

Im griechischen Original dieser Sätze verbergen sich ganz spezielle Fachbegriffe wie z. B. kalovn, was hier mit "das Ethische" übersetzt ist, weil die häufig verwendete Transkription "das Sittliche" heute auch sehr moralinsauer klingt. Gemeint ist damit das nach einer rationalen, an objektiven Kriterien ausgerichtete und insofern ethisch einwandfreie Handeln. Weiterhin ist die Gegenüberstellung von "dem Weisen" und "dem Toren" (hier: der Dumme) eine typisch stoische Methode, um ein Ideal, das des Weisen nämlich, zu konturieren. Weise ist für die Stoiker nur, wer wirklich durchgängig dem Vernunftgemäßen und somit ethisch Gesollten nach handelt. Wer richtig überlegt, so die Stoiker, wird z. B. erkennen, dass Reichtum an Geld nicht wirklichen Reichtum darstellt, sondern dass vielmehr auf den "Reichtum der Seele" zu achten sei und hier ist "nur der Weise reich", wie Paradoxon Sechs lautet.

In Ciceros Behandlung des Themas in dieser Schrift ist besonders auffällig, dass er nicht beginnt, kleinteilige Argumentationen vorzustellen, als deren Schlusssatz sich dann die sechs Paradoxa ergeben. Cicero macht die Sätze in rhetorischen Beispielverfahren plausibel. Er fingiert eine öffentliche Rede und zeigt auf Personen und deren Handeln, um ersichtlich zu machen, dass häufig der anscheinend Reiche viel weniger reich ist als ein pflichtbewusster Armer, oder er skizziert eine Situation um zu schildern, dass man den Weisen nicht durch äußere Repression um das Glück bringen kann.

 

 

Textausgabe: M. Tullius Cicero: De legibus / Paradoxa Stoicorum. Über die Gesetze / Stoische Paradoxien, lateinisch und deutsch, hrsg., übersetzt und erläutert von Rainer Nickel, Zürich 1994.

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