Lucullus (Akademische Abhandlungen)

 

Ciceros "Akademische Bücher" sind nicht nur in ihrer Überlieferungsgeschichte, sondern bereits bei der Entstehungsgeschichte ein Fall für sich. Zunächst ist wichtig zu wissen, dass "akademisch" zu Ciceros Zeit einen gegenüber heute eingeschränkteren und präziseren Sinn hatte: Alles als "akademisch" zu Bezeichnende bezog sich auf die Philosophenschule Platons in Athen, die (Platonische) Akademie. Platon hat sie im 4. Jahrhundert v. Chr. gegründet und seine ersten Nachfolger führten auch die von ihm angelegte philosophische Tradition fort (Ältere Akademie); mit dem Philosophen Arkesilaos gewinnt allerdings die Schulrichtung kurz nach 300 v. Chr. eine sehr erkenntniskritische ("skeptische") Note. Der prominenteste "Akademische Skeptiker" ist Karneades, der im zweiten Jahrhundert v. Chr. gelebt hat, 155 in Rom aufgetreten ist und dort großen Einfluss auf das Bild der Philosophie, das die Römer erst noch entwickeln mussten, ausgeübt hat. Cicero bekennt sich zeitlebens zu dieser Richtung der Akademischen Philosophie, obwohl zu seiner Zeit mit Antiochos aus Askalon eine "Rückbesinnung" auf die Alte Akademie wieder aktuell war, was Antiochos offenbar auch so auslegte, dass zwischen akademischer und stoischer Philosophenschule kein wirklich sachlicher Unterschied bestehe. Im Dialog "Lucullus" stehen sich die Position des Antiochos, die von Lucullus vorgetragen wird, und Ciceros an Karneades orientierter Skeptizismus gegenüber.

Als Cicero im Jahre 45 v. Chr. mit einer Einführungsschrift in die Philosophie namens "Hortensius" beginnt - einer Schrift, die Jahrhunderte später Augustinus zur Philosophie führen sollte - legt er den Grundstein für eine Trilogie, die er mit den Dialogen "Catulus" und "Lucullus" fortsetzt. Mit diesen letzten beiden Büchern, den "akademischen", war Cicero allerdings schon kurze Zeit nach der Abfassung so unzufrieden, dass er die Thematik in vier neuen Schriften wiederum aufarbeitet. Diese neuen Schriften, die Cicero publiziert sehen wollte, sind uns heute fast völlig verloren, von der Erstfassung aber existiert noch der "Lucullus" vollständig.

Der "Lucullus" unterteilt sich in zwei Teile: Zunächst spricht bei einer aus einigen prominenten Römern bestehenden philosophischen Runde, die Cicero räumlich in die Gegend von Neapel und Pompei legt und zeitlich am Höhepunkt seiner eigenen Macht kurz nach seinem Konsulat ansiedelt, der Politiker L. Licinius Lucullus. Dieser verteidigt die Erkenntnislehre des Antiochos von Askalon, die ihrerseits fast gänzlich mit der stoischen übereinstimmt. Seine entscheidende These besteht darin, dass es sogenannte "kataleptische Erscheinungen" gibt, d. h. sinnliche und geistige Eindrücke, die so geartet sind, dass evident ist, dass sie Wahres aussagen (Luc. 18). Der einen Sachverhalt ausdrückende Satz stimmt mit dem Sachverhalt selbst genau überein, und in der kataleptischen Erscheinung lässt sich dieser Zusammenhang erkennen. Einem solchen Satz dürfe man dann die volle Zustimmung geben, meint Antiochos. Wäre eine solche Zustimmung nicht möglich, weil es z. B. kein Kriterium gibt, um treffsicher Wahres von Falschem zu unterscheiden, würde die Lebenswelt des Menschen nicht bewältigbar sein. Es muss Erkenntnisse geben, an die man sich definitiv halten kann.

Gerade an diesen Punkten aber setzt Ciceros Kritik in der Rede an, die er als fiktiver Gesprächsteilnehmer vorträgt: Dieses Kriterium, das definitiv wahre von falschen "Erscheinungen" abgrenzen könnte, gibt es nicht. Zwar gibt es objektive Sachverhalte, es bleibt aber immer Unsicherheit, ob der Satz, der den Sachverhalt beschreiben soll, diesen tatsächlich trifft. Der Einwand, unsere Lebenspraxis gerate damit in Gefahr, trifft nicht zu, wenn diese kritische Haltung nicht rein destruktiv bleibt, sondern offen ist für die Möglichkeit, wenn nicht die Wahrheit, so doch das der Wahrheit möglichst nahe Kommende (veri simile) erreichen zu können (Luc. 98 - 105). Zentralbegriff ist der des "probabile", den wir heute mit "Wahrscheinliches" übersetzen würden, der aber für Cicero nach "probare", nach "zustimmen" klingt. "Probabile" ist der Satz, der es verdient, dass man ihm zustimmt, weil er nach menschlichem Ermessen die aufrichtigste These ist, die wir uns über einen Sachverhalt bilden können. Die Orientierung am "probabile" reicht nach Cicero für die Bewältigung des Lebens aus. Im Gegenteil: Wer von sich annimmt, die  Wahrheit - deren Existenz Cicero nicht bestreitet - definitiv zu kennen, gefährdet die Lebenspraxis, weil er sich in gefährlicher Sicherheit wiegt.

Anhand der drei Teile der Philosophie des Altertums - Physik, Ethik, Logik - versucht Cicero zu zeigen, wie unhaltbar dogmatische Positionen angesichts der faktischen Pluralität zu behaupten sind, dass aber andererseits die Forschung nach der Wahrheit nicht aufgegeben werden darf, sondern man immer neu nach dem der Wahrheit am nächsten Kommenden suchen muss (Luc. 116 - 146).

Der "Lucullus" ist eine Programmschrift für Ciceros weitere philosophische Publikationstätigkeit. Schriften wie "De natura deorum" oder "De finibus bonorum et malorum" stehen eindeutig unter der erkenntnistheoretischen Perspektive des "Lucullus". Cicero lässt dort die Vertreter verschiedener Positionen ihre Ansichten darlegen und miteinander in Konflikt geraten, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, das "probabile", die Position also, die dem Leser die Zustimmung wert ist, herauszufinden.

 

Textausgaben:

Marcus Tullius Cicero: Akademische Abhandlungen. Lucullus, Lateinisch - Deutsch, Text und Übersetzung von Christoph Schäublin, Anmerkungen von Andreas Bächli und Andreas Graeser, (Felix Meiner Verlag) Hamburg 1995.

Marcus Tullius Cicero: Hortensius. Lucullus. Academici libri, Lateinisch - Deutsch, Übers. von Olof Gigon, (Artemis-Verlag) Düsseldorf 21997.

 

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