De finibus bonorum et malorum 

 

Unmittelbar vor den "Gesprächen in Tuskulum" hat Cicero diese ebenfalls aus fünf Büchern bestehende Schrift mit dem deutschen Titel "Über das höchste Gut und das größte Übel" verfasst. Cicero fragt nach dem teleologischen Kriterium, an dem wir unsere Handlungen ausrichten sollen. Die Frage hält er für die wichtigste in der Philosophie überhaupt (vgl. z. B. De fin. IV 14). Rein formal ist sie leicht zu beantworten: Letztlich wird mit jeder Handlung - so die antike Auffassung - das glückliche Leben, griechisch "Eudaimonia", lateinisch "beate vivere", angezielt. Die Differenzen bestehen je nach Lehrmeinung aber darin, was unter einem "glücklichen Leben" zu verstehen ist. 

Cicero tritt in De finibus selbst als Dialogfigur auf. Sein erster Gesprächspartner ist Epikureer, d. h. er gehört der Philosophenschule an, die von Epikur (341 v. Chr. in Samos - 271 v. Chr. in Athen) gegründet wurde. Dieser behauptet (das ist der Inhalt des ersten Buches), das glückliche Leben bestehe in der Lust und dementsprechend sei jede Handlung am "Lustgewinn" zu orientieren. Man nennt diese These Hedonismus. Nun ist der Lustbegriff der Epikureer nicht ganz identisch mit dem damals wie heute alltagssprachlich gebrauchten Wort "Lust", sondern bezeichnet für die Angehörigen dieser Schule im höchsten Wortsinn "Schmerzlosigkeit". Überdies behaupten die Epikureer auch, dass die "geistige Lust" wesentlich wichtiger sei als die körperliche, so dass beispielsweise eine Handlung, die nur des körperlichen Lustgewinns wegen anderen schadet, niemals die "wahre Lust" vermehren kann, oder anders gesagt: Echte Lust ist nur zu erreichen, wenn man sich an das tugendhafte Handeln hält. 

Die Inkonsequenz im Sprachgebrauch und die Verwirrung der Begriffe sind Ciceros Hauptkritikpunkte an Epikurs Lehre im zweiten Buch von De finibus. Cicero befürchtet, dass die Lehre der Epikureer letztlich doch von allen im bloß hedonistisch-egoistischen Sinne verstanden wird und man somit einem an Eigeninteressen ausgerichteten Verhalten auch noch eine philosophische Rechtfertigung mitgibt. Eine solche Lehre hätte zwangsläufig die Auflösung des menschlichen Verbundes im Staat zur Folge; eine Konsequenz, die Cicero völlig unannehmbar ist. Dass die Epikureer unter Lustgewinn auch eine subtile Form der Bewusstseinssteuerung verstanden haben, die es beispielsweise in einer Art "nachbetrachtendem Optimismus" ermöglicht, aus vergangenen schönen Erlebnissen soviel Freude zu ziehen, dass eine unerfreuliche Gegenwart damit überwunden werden kann, diesem Aspekt der epikureischen Lehre scheint Cicero nicht ganz gerecht zu werden, wenn er seine Polemiken darauf richtet.

Buch III und IV sind der Lehre der zweiten großen Philosophenschule gewidmet, die in Rom zur Zeit Ciceros Fuß zu fassen begann, nämlich dem Stoizismus. Für die Stoiker besteht das höchste Gut darin, "im Leben das Wissen um die natürlichen Gegebenheiten anzuwenden, indem man sich für das entscheidet, was naturgemäß ist, und das verwirft, was ihr zuwiderläuft" (De fin. III 31; Übers. Merklin). Diese Formulierung lässt nun offen, was die natürlichen Gegebenheiten sind, an denen man sich im Leben orientieren soll. Hier greift die Entwicklungspsychologie der Stoiker: Bis zu einer gewissen körperlichen Entwicklungsstufe orientiert sich der Mensch an seinen körperlichen und integrativen Bedürfnissen wie Selbsterhaltung. Mit einem bestimmten Alter (in etwa das Ende der Pubertät) übernimmt die Vernunft (ratio) die volle Herrschaft im Menschen, und ihre Ansprüche allein bestimmen, wonach der Mensch streben soll. Dieses Strebeziel nennen die Stoiker griechisch "kalón", "das Schöne", was Cicero mit "honestum" übersetzt und soviel wie "sittlich schönes Handeln" bedeutet. Ein anderes Wort für "honestum" lautet "Tugend". Eine schöne Handlung ist eine Handlung, die aus Tugend und nach den Erfordernissen der Tugend geschieht. Ziel ist das glückliche Leben, das für den Stoiker in einem Leben verwirklicht ist, das in Harmonie und Übereinstimmung mit der Natur, und dies ist beim Menschen die Vernunftnatur, besteht. Die Stoiker sehen menschliches Handeln als Fortsetzung der göttlichen Ordnung im Hinblick auf einen ästhetischen Endzweck.

Nun bedarf aber die Rationalität, auch und gerade wenn sie tugendhaftes Handeln anleiten soll, Kriterien, die tugendhaftes Handeln vom untugendhaften abgrenzen. Solche Kriterien sind für Cicero Güter. Man muss beispielsweise das Leben für ein Gut halten, damit man jemanden vernüftigerweise vor dem Ertrinken rettet. Hielte man das Leben für ein Übel, wäre es höchst unvernünftig, dies zu tun. Die Stoiker aber wollen die gemeine Sprachregelung nicht übernehmen und reden nur beim "honestum" selbst von einem "Gut". Die Kriterien einer rationalen Handlung nennen sie "Vorzuziehendes" und "Zurückzustellendes". Vor allem diese unnatürliche Sprechweise kritisiert Cicero im vierten Buch. Cicero liegt daran, dass eine philosophische Lehre vorgetragen wird, die auch in der Öffentlichkeit Verständnis findet, und dazu bedarf es eines Sprechens, das man allgemein versteht. Eine "Privatsprache" ist nicht geeignet, politischem und öffentlichem Handeln überhaupt ein Fundament zu geben.

Das fünfte Buch von De finibus stellt die Lehre der "Alten Akademie", also der Schule in der Nachfolge Platons, und des "Peripatos", der Schule, die Aristoteles gegründet hat, dar. Cicero sieht beide Schulen in einer inhaltlichen Einheit. Die Anhänger dieser Lehrrichtung vermeiden den Fehler der Stoiker, eine abgehobene und in der Öffentlichkeit nicht nachvollzogene Eigensprache zu sprechen. Dafür aber gibt es hier ein neues Problem: Das glückliche Leben kann auch als dasjenige beschrieben werden, das im Besitz der "Güter" ist. Da die Stoiker nun als einziges Gut die Tugend (honestum) gelten lassen, ist der tugendhafte Mensch auch ein glücklicher. Geld, Gesundheit und dergleichen "weltliche Dinge" sind nicht glücksrelevant. (Eine These, deren Ursprung wahrscheinlich bei Sokrates zu suchen ist.) Wenn nun Alte Akademie und Peripatos solche Dinge wieder als Güter bezeichnen, bleibt die Frage, ob ein Untugendhafter, wenn er nur genügend solcher äußerer Güter für sich in Anspruch nehmen kann, auch als jemand gelten muss, der ein glückliches Leben führt. Die Peripatetiker führen zur Lösung dieses Problems die Unterscheidung "glückliches Leben" (beate vivere) und "vollkommen glückliches Leben" (beatissime vivere) ein (De fin. V 81). Für das erste reicht die Tugend alleine, die unentbehrlicher Bestandteil jedes glücklichen Lebens sein muss, das zweite kommt zustande, wenn zur Tugend auch noch körperliche und äußere Güter hinzutreten. Cicero aber wirkt diese Lösung zu konstruiert, so dass am Ende des Werks eine gewisse Unbestimmtheit bleibt, welcher Lehre vom höchsten Gut der Vorzug zu geben ist. 

 

 

De finibus bonorum et malorum ist derzeit in folgenden Ausgaben im Buchhandel erhältlich:

Marcus Tullius Cicero: De finibus bonorum et malorum. Über das höchste Gut und das größte Übel, lateinisch / deutsch, übersetzt und herausgegeben von Harald Merklin, Reclam-Verlag, Stuttgart 1989.

Marcus Tullius Cicero: Über die Ziele des menschlichen Handelns, lateinisch und deutsch, hrsg. und übers. von Olof Gigon und Laila Straume-Zimmermann, Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 1988.

Daneben gibt es noch eine Ausgabe für Lateinschüler vom Verlag F. Schönigh Paderborn und einen Schülerkommentar vom Verlag C. C. Buchner Bamberg. 

 

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